Wissen und Technik

Mit den Händen sehen: Berührtes vergisst man nicht

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Wahrscheinlich speichern Menschen auch unbewusst, was sie anfassen.


Von der Kaffeetasse über die Krawatte bis hin zum Klopapier: Tagtäglich berührt man unbewusst unzählige Dinge. Ob diese Berührungen auch im Gehirn abgespeichert werden, untersuchen Forscher und entdecken dabei etwas Überraschendes.

Jeder Mensch berührt täglich viele Dinge, ohne genau darauf zu achten, wie sich diese anfühlen. Ob diese sogenannten haptischen Erfahrungen im Gehirn gespeichert und später wieder abrufbar sind, wollten Forscher der Universität Regensburg wissen. Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass von den Sinneseindrücken, die permanent auf Menschen einströmen, wenig dauerhaft im Gehirn gespeichert wird. Die Befunde der aktuellen Studie von Fabian Hutmacher und Professor Christof Kuhbandner vom Institut für Experimentelle Psychologie deuten jedoch auf etwas anderes hin.

Bei ihrer Untersuchung bekamen die 26 Versuchspersonen zuerst die Aufgabe, insgesamt 168 verschiedene Alltagsgegenstände zu ertasten. Die Probanden hatten dabei verbundene Augen und für jeden Gegenstand zehn Sekunden Zeit. Danach bekamen sie die Hälfte der Gegenstände gleich im Anschluss noch einmal in die Hand und gleichzeitig ein zweites, sehr ähnliches Objekt derselben Kategorie, beispielsweise eine bereits betastete Kaffeetasse und eine andere, die die Probanden bisher nicht berührt hatten.

Fast alle Gegenstände haptisch wiedererkannt

Auch nach einer Woche konnten die Mehrzahl der Probanden die berührte Krawatte wiedererkennen.

Obwohl bei beiden Aufgaben die Augen der Studienteilnehmer verbunden waren, erkannten 94 Prozent von ihnen die bereits betastete Tasse wieder. Auch bei dem gleichen Versuch mit der anderen Hälfte der Alltagsgegenstände, der eine Woche später durchgeführt wurde, lagen immer noch 85 Prozent der Probanden beim Wiedererkennen über den Tastsinn richtig – obwohl sie in der Zwischenzeit sicherlich viele andere Kaffeetassen, Gürtel oder Schuhe in der Hand gehabt hatten.

In einem weiteren Experiment bekamen 43 Versuchspersonen, wieder mit verbundenen Augen, die Aufgabe, eine ästhetische Einschätzung abzugeben. Nachdem sie verschiedene Gegenstände angefasst und abgetastet hatten, sollten sie auf einer Skala von eins bis sieben angeben, wie angenehm oder unangenehm sich die Objekte anfühlten. Eine Woche später wurden die Versuchspersonen gebeten, mit verbundenen Augen die bereits berührten Gegenstände zu benennen. Auch jetzt bekamen die Probanden die Hälfte der bereits betasteten und bewerteten Gegenstände und deren bisher unbekannte Pendants zum Spuren. Obwohl die erste Aufgabe nicht darin bestand, sich die Gegenstände zu merken, erkannten 79 Prozent mit verbundenen Augen die Gegenstände wieder, die sie bereits haptisch erkundet hatten.

Sehen, was man gefühlt hat

Doch diese Erkenntnisse reichten den Forschern immer noch nicht aus. In einer dritten Untersuchungseinheit legten die Forscher die zweite, bereits betastete Hälfte der Gegenstände vor den Versuchsteilnehmern aus und daneben jeweils das entsprechende, bisher nicht berührte Gegenstück. Dabei hatten die Wissenschaftler nach eigenen Angaben darauf geachtet, dass der haptische Unterschied gering ist. Die Probanden bekamen die Aufgabe, mit ihren Augen den bereits durch Fühlen bekannten Gegenstand wiederzuerkennen. "Sie durften beispielsweise die beiden Krawatten nur anschauen und mussten dann visuell entscheiden, welchen von beiden Gegenständen sie schon einmal in der Hand hatten", erklärt Hutmacher in einem Gespräch mit n-tv.de. "Auch das funktionierte sehr gut."

Es zeigte sich, dass 73 Prozent der Probanden beim Wiedererkennen richtig lagen. "Das ist wirklich spannend", betont Kuhbandner, "denn eigentlich ist die Farbe für den visuellen Apparat das Hauptentscheidungsmerkmal. Und trotzdem kann man den richtigen Gegenstand mit erstaunlicher Zuverlässigkeit wiedererkennen".

Die Wissenschaftler, deren Ergebnisse in der Zeitschrift "Psychological Science" veröffentlicht wurden, wollen in weiteren Untersuchungen ergründen, warum der Mensch diese Fähigkeiten hat. Sie vermuten, dass über die so erhaltenen Informationen Verhalten gesteuert werden könnte. So könnte auf einer impliziten, unbewussten Ebene Lernen stattfinden.

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