Wirtschaft

“Politik und Wirtschaft müssen in Berlin größer denken”

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Bei Großinvestitionen geht die Hauptstadtregion oft leer aus. Das muss sich ändern, fordern die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Ein Gastbeitrag

Unser Gastautor: Christian Amsinck, Geschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB).

3-D-Drucker sind das nächste große Ding für die Industrie. Komponenten und Ersatzteile lassen sich damit per Knopfdruck fertigen, das geht schneller und spart Lagerkosten. Führende Hersteller dieser Drucker, die dem Verfahren zum Durchbruch verhelfen wollen, kommen aus Berlin. Autonomes Fahren ist für die Autobranche die Zukunftshoffnung. Auf der Straße des 17. Juni und auf dem Lausitzring wollen die Unternehmen diese Technologie zur Serienreife entwickeln. Beim Internet der Dinge, das Alltagsgegenstände, Fabriken und sogar ganze Städte miteinander vernetzt, ist Berlin deutschlandweit führend – rund 75 Firmen forschen hier an Innovationen.

Wird in der Hauptstadtregion auch bald wieder mehr produziert?

Kein Zweifel, die Hauptstadtregion ist bei den wichtigen Trends für die Wirtschaft 4.0 gut aufgestellt. Hier wird entworfen, probiert und programmiert. Doch wird bald auch wieder mehr produziert? Kommen im Zuge der Digitalisierung zusätzliche Industrie-Arbeitsplätze an Spree und Havel, mit guter Bezahlung und hoher Wertschöpfung? Danach sieht es bislang noch nicht aus.

Das muss sich ändern. Berlin und Brandenburg haben zwar – neben wenigen Großunternehmen – einen leistungsfähigen Mittelstand und sind ein beliebter Standort für Firmengründungen. Ansiedlungen in einer Größenordnung von mehreren hundert Beschäftigten aufwärts sind jedoch extrem selten. Wirtschaftsstarke Regionen zeichnen sich durch einen Mix von kleinen, mittleren und großen Betrieben aus. Es ist kein Naturgesetz, dass stets andere Bundesländer den Zuschlag für Großinvestitionen bekommen. Nur so kann die Region ihren Wohlstandsrückstand wettmachen. Für die übrige Wirtschaft wäre das ein Segen, denn jeder neue Job in einer Fabrik schafft zwei bis drei weitere bei Zulieferern und Dienstleistern. Die werden gebraucht – trotz des Beschäftigungsbooms der vergangenen Jahre in Berlin und Brandenburg.

Berlin und Brandenburg können bei Investoren selbstbewusst auftreten

Die Gelegenheit ist günstig. Im Zuge der Digitalisierung werden gerade die Claims in der Industrie neu verteilt. Smarte Maschinen und datenbasierte Prozesse werden die Betriebe von morgen prägen. Die Firmen müssen investieren, einige werden sich völlig neue Standorte suchen, andere bei industriellen Partnerschaften innovative Wege gehen.


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Berlin und Brandenburg können bei Investoren selbstbewusst auftreten. Nirgends in der Republik ziehen technologieorientierte Start-up-Unternehmen so viel Kapital an wie in der Hauptstadt. Dutzende nationale und internationale Konzerne wollen die Energie dieses Ökosystems nutzen, kommen mit ihren Digital Hubs hierher und designen neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen. Die Wissenschafts- und Hochschullandschaft sucht ihresgleichen. Auch Brandenburg hat hier viel zu bieten, etwa das Hasso-Plattner-Institut als Leuchtturm bei der Software-Entwicklung.

Wirtschaft und Politik in Berlin müssen größer denken

Um diese geballte Kraft auf die Straße zu bringen, müssen Wirtschaft und Politik größer denken. Wir brauchen eine gemeinsame Ansiedlungsstrategie für die neue Industrie, nach dem Modell der länderübergreifenden Innovationsstrategie. Berlin und Brandenburg sollten dazu als gemeinsamer Standort auftreten und ihre Vorteile bündeln: Berlin punktet als Metropole, als vernetzter Wissenschafts- und Kulturstandort. Brandenburg bietet genügend verfügbare Flächen und eine gut ausgebaute Infrastruktur. Das setzt aber den politischen Willen voraus, im internationalen Standort-Wettbewerb als Team zu spielen.
In Berlin erinnert man oft wehmütig an den früheren Ruhm als eine der größten Industriestädte Europas, als Keimzelle von Weltkonzernen und bahnbrechenden Erfindungen. Ein solcher Blick in den Rückspiegel bringt niemandem etwas. Es gilt, nach vorne zu schauen. Eine Chance wie heute bietet sich womöglich nur alle 20 oder 30 Jahre. Wir sollten sie nutzen.

Christian Amsinck ist Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB)

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