Wirtschaft

Wie der IWF Minuszinsen durchsetzen will

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Der Internationale Währungsfonds zeigt, wie Zentralbanken Minuszinsen durchsetzen können. Bargeld würde dabei an Wert verlieren. Ökonomen sind entsetzt.

Nur Bares ist Wahres? Das würde nicht mehr gelten, wenn man Bargeld gegenüber elektronischem Geld abwertet.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Supermarkt und an den Regalen prangen für jedes Produkt gleich zwei Preise: Einer gilt für die Kunden, die an der Kasse mit Karte zahlen; der andere für alle, die den Betrag mit Scheinen und Münzen begleichen. Eine Zwei- Klassen-Gesellschaft also, in der Bargeld und elektronisches Geld nicht mehr denselben Wert haben. Das klingt verrückt, nahezu unvorstellbar – ist aber ein ernst gemeinter Vorschlag, den die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) jetzt machen.

Die Not muss groß sein, wenn renommierte Ökonomen sich so etwas ausdenken und dafür aktiv werben. So steht dahinter auch ein ernsthaftes Problem. Es geht um die Frage, wie Zentralbanken auf einen neuen Wirtschaftsabschwung – eine Rezession – reagieren können. Denn nach heutigem Stand ist ihr Spielraum stark begrenzt. Fast alle Zentralbanken der großen Wirtschaftsnationen haben in Folge der Finanzkrise ihre Leitzinsen drastisch gesenkt. Dadurch haben sie Kredite günstiger gemacht und Firmen dazu animiert, mehr zu investieren. Das hat den Abschwung gebremst.

Die Zentralbanken haben kaum noch Spielraum

Bis heute tun sich die Zentralbanker schwer damit, die Zinsen wieder anzuheben. Im Euro-Raum liegt der Leitzins weiterhin bei null Prozent und mit einem ersten leichten Anstieg rechnen Beobachter frühestens im kommenden Jahr. Die USA sind etwas weiter und haben ihren Leitzins auf 2,5 Prozent angehoben. Aber auch das ist zu wenig, um einer Wirtschaftskrise etwas entgegen zu setzen. Um eine Rezession abzufedern, braucht man historisch gesehen schon eine Zinssenkung von drei bis sechs Prozentpunkten, rechnet der IWF vor.

Entsprechend groß sind die Sorgen der Ökonomen. Was tun, wenn die Weltwirtschaft sich abschwächt? Die Antwort, die der IWF darauf gibt, lautet: Minuszinsen. Die Zentralbanken sollen ihre Leitzinsen im Zweifel deutlich unter null Prozent senken – mit entsprechenden Folgen. Denn ein Minuszins heißt: Wer Geld auf dem Konto parkt, muss dafür zahlen, statt von der Bank mit einem Zins fürs Sparen belohnt zu werden. In einem gewissen  Rahmen gibt es Minuszinsen schon heute. Die Banken selbst müssen bereits Strafzinsen zahlen, wenn sie Spareinlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken. Deshalb sind die Gebühren fürs Girokonto gestiegen. Wer darauf besonders hohe Summen ansammelt, zahlt auch schon jetzt Strafzinsen.

Über Bargeld können Sparer dem Strafzins entgehen – zumindest noch

Würde nun aber auch der Leitzins ins Minus rutschen, müssten zwangsläufig alle Sparer solche Strafzinsen zahlen. Das jedoch halten Experten nicht für durchsetzbar, solange es Bargeld gibt. Schließlich können Kunden ihre Ersparnisse einfach abheben und zuhause aufbewahren, statt auf der Bank dafür Strafgebühren zu zahlen. Deshalb fordert etwa Harvard-Professor Kenneth Rogoff das Bargeld abzuschaffen. In einem Land wie Deutschland, wo noch immer viele Menschen am liebsten mit Scheinen und Münzen zahlen, ist ein solches Bargeld-Verbot schlicht nicht denkbar.

Deshalb machen die IWF-Experten nun einen anderen Vorschlag: Sie wollen Bargeld wie eine eigene Währung behandeln. Es gäbe dann also einen Währungskurs für elektronisches Geld (alles, was auf dem Konto liegt) und einen Kurs für Bargeld. Würde die Zentralbank nun Negativzinsen einführen, müsste sie parallel das Bargeld abwerten. Was das bedeutet, macht der IWF anhand eines Beispiels deutlich. Angenommen, die Zentralbank senkt den Leitzins um drei Prozent und die Banken geben das voll als Strafzins an die Kunden weiter, heißt das: Von 100 Euro, die man heute auf dem Konto liegen hat, sind am Ende des Jahres nur noch 97 Euro übrig. Wer dagegen die 100 Euro als Bargeld zuhause aufbewahrt, kann sich damit nach einem Jahr ebenfalls nur noch Waren im Gegenwert von 97 Euro kaufen. Das wiederum funktioniert nur, wenn die Händler mitziehen und einen Preis für Barzahler und einen zweiten für Kartenzahler verlangen. Für möglich hält der IWF das. Schließlich würden Geschäfte in kleineren Ländern schon heute Waren sowohl in der Heimatwährung als auch in Dollar auszeichnen.

“Das wirkt wie der Einstieg in die Planwirtschaft”

Deutsche Ökonomen sind entsetzt über diesen Vorschlag, Minuszinsen einzuführen, ohne dass Verbraucher sich dem noch entziehen könnten. Gunther Schnabl, Wirtschaftsprofessor an der Universität Leipzig, sagt: „Dass ein solcher Vorschlag vom IWF kommt, ist bedenklich.“ Schließlich ist der Währungsfonds eine anerkannte internationale Organisation, deren Urteil Gewicht hat. Von der Idee, Bargeld als separate Währung zu betrachten, hält Schnabl nichts: „Der Vorschlag wirkt wie der Einstieg in die Planwirtschaft, mit der wir in Ostdeutschland wirklich keine guten Erfahrungen gemacht haben.“

Zudem würden die IWF-Forscher die Nebenwirkungen völlig ausklammern. Schnabl fürchtet, dass die Menschen dann versuchen würden, ihr Geld auf andere Weise in  Sicherheit zu bringen. „Die Flucht in Sachwerte würde sich beschleunigen: Immobilien-, Land-, Aktien- und Goldpreise würden noch stärker steigen“, sagt Schnabl.  Auch dürften Anleger ihr Geld einfach in andere Währungen umtauschen. Wenn man das verhindern wollte, müsste man Kapitalverkehrskontrollen einführen – was aber kaum mit den Grundsätzen der freien Marktwirtschaft vereinbar ist.

Das Vertrauen ins Geldsystem könnte leiden

Volker Hofmann, Volkswirt beim Bankenverband, hält den IWF-Vorschlag ohnehin für verfrüht. „Erst einmal sollte man darüber sprechen, wie sinnvoll Negativzinsen grundsätzlich sind“, sagt er. Die Erfahrungen, die Länder wie Japan damit in der Vergangenheit gemacht hätten, seien ernüchternd. „Weder haben Verbraucher aufgrund der Negativzinsen erkennbar mehr Geld ausgegeben, noch haben Firmen mehr investiert“, sagt Hofmann. Allenfalls bei den Wechselkursen gebe es einen kleinen Effekt.

Außerdem dürfe man die psychologischen Folgen einer solchen Entscheidung nicht unterschätzen. „Mit Negativzinsen droht das Vertrauen ins Geldsystem als auch in die Aussagekraft von Zinsen verloren zu gehen“, sagt Hofmann. Auch Schnabl warnt vor Minuszinsen: „Dadurch sollen die Menschen fürs Sparen bestraft und zum Konsum gezwungen werden.“ Dabei basiere unser Wohlstand doch auf der Sparsamkeit der Bürger.

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