Kultur

Michel Houellebecq: Eine Begegnung mit dem französischen Autor

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Ist Michel Houellebecq ein rechter Denker? Der neue Roman des Franzosen ist heftig umstritten. 2015 traf der stern den Schriftsteller und fragte auch nach seinem Verhältnis zur Front National.

Eine Begegnung mit dem französischen Autor />

Er wirkt in der Öffentlichkeit immer ein bisschen wie der Kassenwart eines Kleingartenvereins auf einer Swinger-Party: der französische Schriftsteller Michel Houellebecq.

Ab und an kommt grollendes Husten aus dem Orakel. Tief aus seinem Inneren. Man ist ganz erstaunt, welch körperliche Tiefe dieser Mann hat, der vor einem sitzt wie sein eigenes Abziehbild: fahles Gesicht, dünnes Haar, verwaschener Blick. Michel Houellebecq wirkt in der Öffentlichkeit immer ein bisschen wie der Kassenwart eines Kleingartenvereins auf einer Swinger-Party.

Es gab eine Zeit, da ist er in Paris immer auf solchen Veranstaltungen herumgestromert. Kein Milieu kann schäbig genug sein für diesen Ethnologen, dessen Forschungsgebiet die Tristesse der Moderne ist. Über einem Irgendwas-Hemd trägt er eines seiner legendären Jeanshemden. Vielleicht ist es das Jeanshemd. Vielleicht gibt es nur eines, kann gut sein, denn dieses Hemd ist ziemlich fleckig. Zahnpasta, Mayonnaise, schwierig zu erkennen – auch darüber wird sich die Kritik beugen müssen, denn an Michel Houellebecq ist inzwischen alles Zeichen, schwierig zu deuten allerdings, denn absichtlich lässt er sich verschwimmen in einem Flirren aus Ironie, Schüchternheit und Provokation.

Am Erscheinungstag seines neuen Romans “Die Unterwerfung” erschossen islamistische Terroristen 17 Menschen in Frankreich. Seitdem gilt er als Prophet. Woher nimmt er seine Anschauung? Houellebecq schaut freundlich und versucht sich zu erinnern. Man muss den Propheten genau im Auge behalten, sonst könnte er verschwinden – transparentes Geisterwesen. Aber was heißt Geisterwesen? Was ist denn das? Plötzlich knurrt der Schriftstellermagen laut und deutlich. Interessant, die körperlichen Kulissen dieses Orakels. Es knurrt und knarrt aus ihm heraus. Vor ihm steht ein Teller mit Schnittchen. Doch er ignoriert das Essen, fischt eine neue Zigarette aus seiner Hemdtasche, praktisch so ein Jeanshemd. Dann sagt er, die Inspiration für dieses Buch habe er aus persönlicher Anschauung.

“Ich unterhielt mich damals mit einer Bekannten”, erinnert er sich. “Sehr hübsches Mädchen, sehr – sexy.” Er schmeckt dem Wort “sexy” nach. Houellebecq-Exegeten wissen zu berichten, dass er künstliche Zähne hat, die etwas schlecht sitzen. Das mag erklären, dass das Wort “sexy” nun tatsächlich klanglich Fleisch ansetzt, was wiederum sehr sexy klingt. Und so versteht man, dass dieser abgewirtschaftete und ausgefranste, aber sanfte und zarte Mann sehr anziehend wirken kann, doch, doch. Seine Freundin besichtigt gerade Köln.

“Sexy”. Seine Stimme schwebt durchsichtig im Licht des Kölner Verlagsbüros, dann verebbt sie. Stille. Fünf Sekunden, zehn Sekunden. Vor dem geistigen Auge sieht man einen Minirock im Pariser Wind wehen. Aus Stoff, so fein wie der Nachklang von Houellebecqs Stimme. Man hat viel Zeit zu träumen während eines Gesprächs mit dem Orakel. Es spürt seinen Gedanken nach, zieht an seiner Zigarette, kaut genüsslich auf dem Filter herum, der irgendwo tief in seiner Wangentasche steckt.

Einschläfern, dann zubeißen

Dann kommt diese Stimme wieder, sexy Mädchen also: “Sie beklagte sich, dass sie in ihrem Viertel immer wieder von Immigranten belästigt würde.” Houellebecqs Blick verdichtet sich. Prüfend schaut er herüber, vorbei an seiner dicken Boxernase, durchaus kampfeslustig jetzt. Seine Technik: Kaninchen einschläfern, dann zubeißen. “Ich habe ihr gesagt: ‘Dann verschleier dich halt!'” Er lauert, ob die Provokation greift, ja, funktioniert, zufrieden fährt er fort: “Das kam ganz spontan aus mir heraus. Da habe ich gemerkt, dass ich akzeptiert hatte, dass man sich verschleiern muss, um keinen Ärger zu bekommen.” 

Voilà. So sieht’s aus auf der Welt. Der Goncourt-Preisträger 2010 war islamisiert. Das war die Schlüsselerfahrung für seinen Roman. Daraus hat er die Handlung seiner politischen Satire entwickelt: Frankreich im Jahre 2022. Bei der Präsidentschaftswahl liegen der rechtsextremistische Front National und die Partei der muslimischen Bruderschaft Kopf an Kopf. Um den Sieg des Front National zu verhindern, verbünden sich die bürgerlichen Parteien mit der Muslimbruderschaft. Der neue Präsident führt die Scharia ein: Frauen müssen zurück an den Herd, Lehre und Forschung werden islamisiert, Professoren bekommen 14-jährige Sexgespielinnen.

Houellebecq sagt, er halte das für einen doch noch sehr gemäßigten Islam. Die muslimischen Gemeinden in Frankreich sind empört. Religionswissenschaftler werfen ihm vor, Boulevard-Ängste zu befeuern und mit Klischees zu spielen. Houellebecq zeichnet ein müdes, opportunistisches Frankreich, das sich bereitwillig dem Islam unterwirft. Dieses Land wird regiert von einer politischen Kaste, die alle Ideale aufgegeben hat. Lange hat der Schriftsteller im Ausland gelebt, um weniger Steuern zu zahlen. Als er zurück nach Frankreich zog, überraschte ihn am meisten, wie sehr die Bürger ihre politischen Vertreter verachten.

Der Steuerflüchtling ist in Endzeitstimmung: Das ganze demokratische System habe vollkommen versagt, sagt er. Das liege am Front National. Zur Stunde seien die Rechtsextremen kaum im Parlament vertreten. Es gebe nur sehr wenige Abgeordnete, obwohl viele Menschen für den Front National stimmten. Und da die klassischen Konservativen niemals mit den Rechtsextremen koalieren würden, könnte es durchaus sein, dass die Linke noch einmal an die Macht komme. Obwohl sie immer weniger Menschen repräsentiere. Houellebecq gluckst diabolisch in sich hinein und sagt: “Die Menschen schicken Politiker an die Macht, die sie eigentlich nicht wollen.” 

Ein Autor der Rechtsextremen?

Nun gibt es viele Möglichkeiten, sich Houellebecq zu nähern. Man könnte die Bedeutungsschichten seines legendären Parkas freilegen oder seine Selbststilisierung zum Dandy analysieren, der sich dem Schönheitsterror des Kapitalismus verweigert und sich zur Ikone der Hässlichkeit verwittern lässt. Da Houellebecq nun aber dem Front National eine Schlüsselposition in seiner Gesellschaftsanalyse zukommen lässt, beschließen wir, sein Verhältnis zur Rechtsextremen zu erforschen.

Houellebecq fängt diffuse Ängste auf, predigt hinter der Maske seines Romanpersonals die Renaissance des Patriarchats, geißelt Liberalismus, Feminismus, Aufklärung und 68er-Bewegung, die allesamt nichts als eine narzisstische Vergnügungsgesellschaft und Konsumterror hervorgebracht haben. Er zeigt einen Menschen, der orientierungslos in der Moderne herumirrt, weil alle verbindliche Leitkultur aufgelöst wurde, traditionelle Werte zertrümmert wurden. Für diesen Nihilisten bleiben nichts als Depression und Zynismus.

Wie sein Autor brummt und knurrt dieser Roman im Innern und raunt: Wenn der Westen seine Leere nicht schnellstens füllt, wird er vom Islam aufgefressen. Kulturkampf! Der Chef der französischen Tageszeitung “Libération” warf dem Autor vor, die Thesen der Rechtsradikalen salonfähig zu machen, und schrieb: “Houellebecq hält Marine Le Pen den Platz im Café Flore warm.” 

Also vorsichtig herantasten: “Monsieur, wenn der Front National der Schlüssel zu Ihrem Verständnis der französischen Gesellschaft ist, dann wüsste man nun aber auch gern Ihre Haltung zu ihm.” 
“Ich habe keine Haltung zu ihm”, sagt er.
“Was denken Sie denn über diese Partei?”
“Ich würde niemals auf eine solche Frage antworten.”
“Warum nicht?”
“Aus Prinzip. Ich hasse Schriftsteller, die den Leuten sagen wollen, was sie machen sollen oder nicht. Das ist sehr unhöflich dem Leser gegenüber. Die Leute sollen wählen, was sie wollen.”
“Macht Ihnen der Front National Angst, oder sympathisieren Sie mit ihm?”
“Ich antworte nie auf solche Fragen.” 
“Weil Sie in Ruhe weiter zündeln wollen mit seinen Themen und seinen Werten?”
“Die Werte, die ich verteidige, sind katholische Werte. Der Papst würde diese Werte verteidigen.”
“Nicht nur der. Auch ein Charles Maurras, Vordenker des nationalistischen Frankreichs, Ultra-Rechter der Zwanziger, der später mit den Nazis kollaborierte.” 
“Habe ich nie gelesen.”
“Wären Sie damit einverstanden, würde man Sie einen Erzreaktionär nennen?”
“Nein. Ein Reaktionär ist jemand, der zu einem früheren Zustand zurück möchte. Doch das ist unmöglich.”
“Es scheint in Ihrem Roman eine Sehnsucht nach einer früheren Epoche durch: kleine Wirtschaftsstrukturen, intakte Familienordnung, verlässliche Werte.“
“Das stimmt.”
“Sie spielen mit der Unschärfe der politischen Werte und lassen alles hinter einem Schleier von Ironie verschwimmen, um zu provozieren.”
“Überhaupt nicht. Ich drücke meine politischen Positionen sehr klar aus.”
“Also gut, auf ein Neues: Wie ist Ihre Haltung zum Front National?”
“Ich beantworte keine Fragen, die mich nicht interessieren. Fragen Sie mich nach direkter Demokratie, dann bekommen Sie eine Antwort. Ich bestimme die Fragen, die ich beantworte. Die direkte Demokratie durch Referendum ist eine gute Sache.”

Wenigstens taucht Houellebecq nun aus seiner Lethargie auf. Streitgespräch ist ihm Elixier. Mit huschenden, dünnen, hübschen Fingerchen dreht er sich eine Strähne seines dünnen Haars zu feinem Rasta-Flechtwerk, spürt seinen Gedanken nach – ein Lemur, der eine Beruhigungspille zu viel genommen hat. Er wird nur durch seine Gedankenwelt gehalten. Ist der Wortwechsel vorüber, erschlafft er wieder und versinkt in Teilnahmslosigkeit.

In seinem Buch zeichnet er ein müdes, dekadentes Land, das sich willenlos unterwirft. Doch seit den Attentaten zeigt sich Frankreich solidarisch, scheint enger zusammengerückt. Am Sonntag nach dem Anschlag auf “Charlie Hebdo” und einen jüdischen Supermarkt nahmen 3,7 Millionen Franzosen an republikanischen Märschen teil. Und obwohl sich Houellebecq nicht von Pathos berühren lässt, haben ihn diese Millionen bewegt, sagt er.

Hängt er also etwa doch an den Werten der französischen Republik? Ihm entfährt ein verächtliches “Pfff”, dann sagt er: “Die Republik! Wissen Sie, Frankreich hat vor der Republik existiert und wird auch danach noch existieren.“ Die Menschen haben für die Meinungsfreiheit demonstriert, sagt er. Ein Weckruf für das erschlaffte Frankreich sei das nicht gewesen.

Houellebecq hält die französische Republik nicht für überlebensfähig. Liberté, Egalité, Fraternité – für ihn nur leere Worte. Eine Gesellschaft ohne Religion ist für ihn nicht funktionsfähig. Die Werte bräuchten ein Fundament. Sogar die französischen Revolutionäre hätten das verstanden. Von 1793 bis 1794 hätten sie Kirchen demoliert und Priester ermordet. Dann eine künstliche Religion erfunden, den “Kult des höchsten Wesens”. Unter Napoleon hätte man sich 1801 mit dem Katholizismus arrangiert. Die Trennung von Staat und Kirche, die heute verteidigt werde, so Houellebecq, gebe es erst seit 1905.

Er ist nun ganz in seinem Element, zitiert Auguste Comte, unterbricht Zwischenfragen, möchte einen Gedanken zu Ende führen. Es scheint tatsächlich so etwas wie eine Kommunikation mit diesem Mann möglich zu sein.

Freiheit macht ihm Angst

Er beharrt darauf: Eine Gesellschaft kann sich nicht auf der nackten Vernunft gründen. Reine Freiheit sei nicht wünschenswert. Ihm jedenfalls mache sie Angst. Tiefe Freiheit bedeute Einsamkeit: Wer frei sein wolle, müsse allen Bindungen entsagen. Wer könne das schon? Er selbst würde sich nur zu gern einer Religion unterwerfen. Seit dem Tod seiner Eltern hat er seinen Atheismus aufgegeben. Er bezeichnet sich als Zweifelnden, als Agnostiker. Er würde gern glauben – wenn es nur nicht so schwierig wäre.

Auf die Frage, ob er ein glücklicher Mensch sei, muss er lachen. Mal so, mal so, sagt er. Immerhin brauche er nur eine einzige harte Droge, um die Wirklichkeit auszuhalten: Zigaretten. Und Alkohol, Monsieur? Den nutze er als weiche Droge. Natürlich könne der zur harten Droge werden. Aber so weit sei er noch nicht. Für einen Alkoholiker halte er sich nicht.

Dass er das Image eines Säufers hat, ist ihm egal. Über seinen Körper möchte er jetzt nicht sprechen. Er findet, er sei doch ganz gut in Form. Und tatsächlich: So richtig schlecht sieht er nicht aus. Er muss nur sehr unfotogen sein. Oder sich bereit willig zu einem Dandy des Verfalls inszenieren lassen, zu einer Ikone des Nihilismus. Er habe noch nie gern in den Spiegel geschaut, sagt er. Da würde es ihm auch nichts ausmachen, dass sein Gesicht in den letzten Jahren so sehr zerfallen sei. Aber eigentlich finde er, dass wir uns arg vom Thema entfernen.

Finden wir nicht. Und sagen flötend, dass er seinen eigenen Leib quasi messiasgleich ins Schlachtfeld seiner nihilistischen Kunst führe, die Themen seiner Texte sich auch in seinen Körper eingeschrieben hätten und sein Gesundheitszustand somit zum Thema gehöre und sowieso alles mit allem zusammenhänge, gerade bei ihm.

Da richtet sich Michel Houellebecq auf, der Schleier vor seinen Augen reißt, sein Blick wird bohrend, und er spricht mit tiefer Inbrunst sein Glaubensbekenntnis: “Alles hängt mit allem zusammen? Ich bin vom absoluten Gegenteil überzeugt”, sagt er, und die dünne Stimme ist nun sehr kräftig. “Ich bin davon überzeugt, dass nichts zusammenhängt. Nichts mit nichts. Niemals!” 

Die Zeit ist um. Draußen wartet der Verlag, das Sicherheitspersonal, das nächste Gespräch. Der leuchtende Houellebecq erlischt wieder. Alles, was jetzt kommt – Small Talk, Terminkalender, Essen –, das langweilt ihn bis aufs Mark. Aber er wird es mit schüchterner Höflichkeit absolvieren. So kommt man am leichtesten aus dem Schlamassel heraus. Houellebecq steht verloren im Glasgebäude seines Kölner Verlages. Eine Marionette, die darauf wartet, dass man sie ins nächste Gespräch führt, zum nächsten Roman, zur nächsten Performance, wo sie dann wieder selbst die Fäden in die Hand nehmen kann.

Der Text erschien im Januar 2015 im stern.

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